Die Personen im Bild

PDF Brief in Langfassung

PDF Brief in Kurzfassung

Kassel, im März 1725

Ecce! Schaut her, wir sind die Hochfürstliche Familie Hessen.

Also, um es gleich klarzustellen, auf dem Gemälde sind 22 Personen zu sehen. Einige Familienangehörige sind 1725 aber bereits verstorben. Und weiter, ich bin nicht die Person im Zentrum des Bildes, ich sitze etwas weiter rechts neben meiner Frau.

Schaut mal genau hin, sind wir beide nicht doch der Blickfang, deutlich hervorgehoben durch das rote, prächtige Samtkleid meiner geliebten, 1711 so früh verstorbenen Amalie. Das habe ich meinem Hofmaler so in Auftrag gegeben. Hat er gut gelöst. Allerdings, es ist beinahe dreist, wie er sich selbst in Szene gesetzt hat. Das geziemt sich für einen Maler nicht.
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Hochfürstliche Mitteilungen, in der Form eines ausgedachten Briefes

Warum sich ein solches Schreiben ausdenken? Die Idee ist bei einer Betrachtung des Gemäldes entstanden. Es ist nicht der Versuch, im Schreibstil der Zeit einen ausführlichen Brief zu verfassen oder an den Reisebericht von Johann Balthasar Klaute anzuknüpfen (Italienreise Carls 1699/1700). Ich wollte herausfinden, welche Geschichte im Bild steckt. Und dann war schnell klar, dass mehrere verborgene Geschichten und Zusammenhänge zu entdecken sind, interessant, weil diese für den Betrachter heute nicht offensichtlich sind.
Der Plan für den erfundenen Brief ist also im Kontext einer ikonologischen Bildbetrachtung entstanden. Landgraf Carl hat das Gemälde in Auftrag gegeben - mit einer eindeutigen Absicht. Um die geht es mir im Kern!

Es ist ein Staatsgemälde, Besucher der Residenzstadt Kassel sollen es betrachten und über die große Familie berichten. Das Arrangement der im Gemälde vereinten Personen ist geschickt aufgebaut, es stellt Grundlinien einer erfolgreichen Heiratspolitik heraus und drückt zugleich Carls Anspruch aus, in die Reihe der ersten Fürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation aufgenommen zu werden. Es geht um die Kurwürde. Und auch in Europa sollten die Herrscher wahrnehmen, dass die kleine Landgrafschaft gut vernetzt ist und wegen seiner zentralen Lage und der bereit stehenden Armee in der supranationalen Politik durchaus mitmischen kann und will.

In das Gemälde sind zahlreiche Anspielungen und Verweise eingebaut. Wie lässt sich das entschlüsseln und dann auch aufschreiben? Im erfundenen Brief versuche ich das Aufbauen und Einbauen offen zu legen und zugleich Einblicke in historische Zusammenhänge zu geben, die für die Geschichte Hessens wichtig und kennzeichnend sind.

Somit ist Carls Brief mehr als die Erklärung des Gemäldes. Er nutzt die Bildbeschreibung, um seine Politik und seine Vorstellungen zu erläutern. Carl geht für uns Betrachter so auf das Gemälde ein, dass er alle möglichen Randbemerkungen einflechten kann, auf die Zeit um 1700 zugeschnitten, bezogen auf seine Familienpolitik und einige ihm wichtige Ereignisse der europäischen und hessischen Geschichte.
Die Mitteilungen in einer Erzählform erlauben es, abzuschweifen, Bezüge anzudeuten und herzustellen. Manchmal "scheint sich Carl zu verlieren". So kann ich aber versuchen, ausgewählte Aspekte des Bildinhalts hervorzuheben und in historische Kontexte eingebettet zu betrachten.
Dabei sind Carls Leser zu eigenen Einschätzungen aufgefordert.

Zu Eigensichten anzuregen ist auch ein Grund dafür, die im Kapitel "Das Familienbild" entwickelten Zugänge zum Bildverstehen in den Brief einzubeziehen. Die Zugänge sind also auf "Carls Brief" abgestimmt und umgekehrt, von den Mitteilungen des Landgrafen aus lässt sich die Bildanalyse dort gehaltvoll anlegen.

Der Brief liegt auch in einer Kurzfassung vor. ;-)
Beide Varianten sind als PDF hier in der Website aufrufbar.

Jürgen Fischer, Mai 2018

Hochfürstliche Mitteilungen