Gemalt von Philip van Dijk (niederländischer Maler, Den Haag)

MHK, Gemäldegalerie Alte Meister, Inv. GK 327, Leinwand 95 x 134 cm
Ich empfehle als Einstieg die sehr lesenswerte, verständliche Bildbesprechung von Justus Lange, dem Direktor der Gemäldegalerie.

Hier im Kapitel "Das Familienbild" stelle ich Anregungen und Tipps für eine Bildanalyse zusammen. Das ist eine Sammlung von Verweisen, Zitaten, Hintergrundinformationen, angedeuteten Verbindungen, Anspielungen.

Genaue Beobachtungen sind der Ausgangspunkt, zugleich die Grundlage für ein detektivisches Denken. Mit dieser Herangehensweise versuche ich das im Gemälde verborgene Bildprogramm zu entschlüsseln.
Ich unterstelle (Hypothese), dass der Maler einen Auftrag erhalten hat, die Familie auf eine bestimmte Art und Weise darzustellen. Dazu gehören die Gruppierung und Anordnung von Personen, die Farbe von Kleidungsstücken, die Kolonnaden als Hintergrund, einige Gesten, die durch die Körperhaltung, die Hände und Blicke ausgedrückt werden. Weiter vermute ich, dass im Bild und durch das Bild angedeutet und offensichtlich auf historische Ereignisse, Verflechtungen und vor allem dynastische Ziele hingewiesen werden soll.

Um das zu benennen und abgesichert zu interpretieren ist Hintergrundwissen erforderlich. Die Ausstellung und der Ausstellungsband liefern dazu hervorragendes Material. Das ist aber so umfassend, dass es notwendig ist, verdichtet auf die Bildbetrachtung ausgewählte Bezüge zur hessischen und europäischen Geschichte herauszustellen. Dazu gehören auch die hier in der Website eingestellten Karten und Übersichten. Es sind Rohdaten.
Dann, um sich etwas in die Zeit hineinversetzen zu können, habe ich mir einen didaktischen Kunstgriff erlaubt. Hintergrundwissen versuche ich zunächst nebengeordnet einzustreuen, durch die Verknüpfung mit Aussagen im ausgedachten Brief Landgraf Karls. Das ist in keiner Weise der Versuch, den Schreibstil Carls zu kopieren oder in der Diktion der Zeit zu schreiben. Ich kann mir so aber ausgewählte historische Aspekte in die Betrachtung der Zeit und des Gemäldes hereinholen.

Ausgewählt bezieht sich auch auf die Bildanalyse.
Mein Ansatz ist das detektivische Denken. Das Auswählen findet im zweiten Schritt statt. Der erste beginnt damit, nach Daten und Hinweisen zu suchen, detailliert zu beobachten und auch scheinbar unwesentliche Hinweise zunächst einmal zu registrieren. Dieses Material muss nun geordnet werden. Daten sind aus- und einzuschließen, um dann Vermutungen und Ideen für Verknüpfungen und Beziehungen darlegen zu können. Der dritte Schritt schließt sich an: Interpretationen wagen, ausführen und einer Plausibilitätsprüfung unterziehen.
Im klassischen Vorgehen, bei Sherlock Holmes und Dr. Watson, spielt das Gespräch, der Diskurs über die Vermutungen und die Datenauswahl die entscheidende Rolle. In der Person von Dr. Watson sind wir Krimi-Leser einbezogen. Um ein solches Einbeziehen zu erreichen, sind hier die Materialien und die Ausgangsüberlegungen für die Bildbetrachtung als Rohdaten abgelegt und für sich, gesondert z. B. in den Zugängen, visualisiert.

Es sollte deutlich geworden sein, dass es mir um ein ikonologisches Herangehen geht. Darin steckt auch (!) die Lust am Entdecken, daran, die Geschichte hinter der Geschichte im Bild zu entschlüsseln. Eine detektivische Herausforderung. Hier sei mir ein Verweis auf mein Konzept und die Beispiele in www.wissensreise.de erlaubt.

Bei der beschriebenen Vorgehensweise haben sich für das Familiengemälde neue Zugänge zum Bildverstehen herauskristallisiert, viel eindringlicher als zunächst erwartet. Und so sind von den Untersuchungen aus die Tipps und Hinweise zum Durchschauen des Familienbildes und zum Heraus-Arbeiten der Komposition und Gestaltung entstanden. Ebenso die Einschätzung des Werkes von van Dijk als herausragendes Gemälde.

Also zusammenfassend: Hier im Kapitel stelle ich zunächst mehrere Zugänge zur Entschlüsselung des Gemäldes vor. Das ist zugleich ein Rohmaterial für das eigene genauere Hinschauen und Interpretieren. Unter "Dem Arrangement auf der Spur" ist meine Interpretation als zusammenhängender Text abgelegt.

Aufschlussreich ist es, zwei weitere Bilder einzubeziehen. Einmal das von Hyacinth Rigaud, der 1701 Ludwig XIV. porträtiert hat, das Vorbild zahlreicher Staatsgemälde schlechthin. Weiter das Familienbild von Martin van Meytens, das "Die Kaiserliche Familie auf der Schönbrunner Schlossterrasse" zeigt. Die mir wichtigen Parallelen zu beiden Werken erläutere ich hier eher kurz. Ausführliche Betrachtungen und ikonologische Einschätzungen lassen sich über ein Kapitel in www.wissensreise.de aufrufen. Es ist die Reise "Mozart on tour".

Jürgen Fischer, Mai 2018
Anregungen für eine Bildanalyse
Die Familie von Landgraf Carl von Hessen-Kassel