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P a r k g e s t a l t u n g. -  T e u f e l s b r ü c k e
Parkgestaltung

Die Sage

Die Teufelsbrücke über die Reuss
in der 
Schöllenen-Schlucht am Gotthard-Massiv

Ganz weit unten im Süden versperrten die hohen Berge den Weg in das sonnige Italien. Nicht ganz, denn die Bewohner der Alpen-Gebirge bauten Pfade und Straßen, um entlang der Flüsse ihre Waren zu transportieren. Gleichzeitig konnten sie eine Maut für die Nutzung durch Händler erheben, und Gebühren fielen auch für die Postkutschen und den Reiseverkehr aus dem Norden an.

Um durch die Schöllenen-Schlucht hindurch das Gotthard-Massiv zu überwinden, musste eine stabile Brücke über den wilden Fluss, die Reuss gebaut werden. Denn immer wieder war eine Holzbrücke eingestürzt. Wie sollte man aber in der engen Schlucht eine Steinbrücke errichten können?

Da besprachen sich die Urner und dachten über einen Bund mit dem Teufel nach. Und tatsächlich, dieser erschien und willigte ein. Aber unter einer Bedingung wollte er Ihnen helfen. „Der erste, der über die Brücke geht, gehört mir!“ rief er aus. Die Dorfbewohner willigten ein. Sie sahen keine andere Lösung, der Pakt wurde geschlossen.
Schon nach wenigen Tagen war eine stabile Steinbrücke errichtet. Die Dorfältesten versammelten sich an der einen Seite und blickten hinunter zum wilden Fluss und dann hinüber. Dort wartete bereits der Teufel. Wer sollte zuerst hinübergehen?

Die Urner waren schlau. Ein Bauer hatte seinen Ziegenbock hinter sich hergezogen. Den band er jetzt los. Als der den Teufel sah, rannte das Tier auf diesen zu. Am anderen Ende der Brücke prallten sie aufeinander. Zornig packte der Teufel das Tier und schleuderte es den Dorfleuten entgegen. Er selbst sprang über den Fluss und verschwand in Richtung Göschenen, um von dort den riesigen Findling in der Nähe des Dorfteiches zu holen. Mit dem Stein wollte er das Bauwerk zertrümmern.

Auf dem Weg zurück zur Brücke musste er sich etwas ausruhen. Eine Bäuerin kam daher. Als sie den Bocks-Fuß des Teufels sah, rief sie: „Gott im Himmel hilf!“. Dabei fasste sie das an der Halskette hängende Kreuz und berührte den Stein. Der Findling ließ sich fortan nicht mehr von der Stelle bewegen. Da merkte der Teufel, dass er gegen die Dorfbewohner nicht ankam. Schnaubend und  fluchend sprang er in den Teich. Das Wasser begann zu tosen, dann wurde  es still. Der Höllenfürst ward nimmermehr gesehen. Die Dorfbewohner versammelten sich am Teufelsstein, jedes Jahr wollten sie von nun an hier zusammen kommen.  

Frei nach der Sage über die Höllenschlucht, die Teufelsbrücke und den Teufelsstein in den Urner Alpen im Schweizer Kanton Uri unweit der Gemeinde Göschenen auf dem Fernweg hin zum Gotthard-Pass.


Vor Ort             

Teufelsbrücken über die Reuss und in Parks

Im Bergpark Wilhelmshöhe ist die 1793 errichtete Teufelsbrücke in die barocke Architektur von Plutogrotte und Höllenteich einbezogen. Am Wassersturz unterhalb der Brücke treffen sich ein romantisch inszeniertes Wasserbild und die antike Mythologie.

Der Begriff Teufelsbrücke verweist auf die schwierigen Bedingungen für den Brückenbau im wilden Schöllenental mit den steil abfallenden Felsen über dem Fluss Reuss. Das ist Teufelswerk!

Die erste hölzerne Brücke ist für 1303 urkundlich nachgewiesen, eine technische Meisterleistung im 14. Jahrhundert. Dieses Bauwerk wird 1595 durch eine Steinbrücke ersetzt, die bis Anfang des 19. Jahrhunderts den regen Fernverkehr von Handelsgruppen, Militärverbänden, wohlhabenden Reisenden zwischen Deutschland und Italien sichert. Etwas versetzt wird 1830 eine breitere Brücke gebaut.

Zurück von einer Kavalierstour oder einer Bildungsreise berichten zahlreiche Reisende von den schroffen Felsen über dem Fluss und  fasziniert von der Landschaft insgesamt. Um 1800 ist Italien nicht nur das Sehnsuchts-Land vieler Touristen, auch die Alpen werden „entdeckt“. Es ist die Zeit der Romantik, geprägt von Reisenden, die in Journalen ihre Erlebnisse schildern und auf Skizzen und Gemälden ihre Eindrücke abbilden.

Im gleichen Zeitraum entwirft der Kasseler Gartenarchitekt H. C. Jussow die romantischen Wasserbilder im Bergpark Wilhelmshöhe. Die erste Teufelsbrücke ist ein Holzbau. Unter ihr stürzen die Wasser 10 Meter tief die Felsen hinab und sammeln sich im Höllenteich. Für das 1793 fertiggestellte Wasserbild verwendet Jussow Tuffsteine, ein Verweis auf das mit diesem Material errichtete Oktogon. Zudem bezieht er die in den 1770er Jahren erneuerte Grottenanlage mit Teich in das Gesamtbild ein.  

Von der Teufelsbrücke schauen die Besucher auf Plutogrotte und Höllenteich. Sie sollen gedanklich die griechische Mythologie mit der gewagten Brückenkonstruktion über dem steilen Felsen verbinden und durchaus als ein Teufelswerk auffassen. Das zwar mit einem Augenzwinkern, zugleich aber im Verweis auf die Vorstellung von einem Hades, in dem Pluto als Gott der Unterwelt die Ankommenden erwartet.

Exkurs:
Was geschieht mit Ihnen, nachdem sie der Fährmann Charon sie im Kahn über den Styx gefahren hat. Denn nach dem Übersetzen kommt eine Ungewissheit auf, das Fegerfeuer, gibt es das? Gibt es dort Teufel, wacht der dreiköpfige Höllenhund Cerberus darüber, dass niemand entkommen oder eindringen.
Was ist an den Geschichten um Orpheus und Eurydike, Sisyphos, Tantalos und Herkules wahr? Mit diesem Ort ist doch Proserpina verbunden, die von Pluto gewaltsam in den Hades entführte Tochter des Jupiter und der Ceres. Stimmt die Geschichte aus der griechischen Mythologie um den gescheiterten Versuch von Orpheus, seine an einem Schlangenbiss verstorbene Gemahlin Eurydike aus dem Hades zurückzuholen? Orpheus konnte alle Wächter mit dem Klang der Lyra besänftigen, auch Persephone (römisch Proserpina) war vom Klang so angetan, dass sie Orpheus unter einer Bedingung erlaubte, Eurydike aus dem Hades herauszuführen. Auf dem Weg hinaus dürfte er sich nicht nach ihr umsehen. Aber er hielt sich nicht daran und die Flucht scheiterte.

Warum dieser kleine Exkurs in die antike Mythologie? Die Teufelsbrücke ist ein Gartenprojekt im Rahmen der Umformung des Bergparks hin zum Landschaftsgarten. Die Anlage und das Wasserbild insgesamt entsteht um 1793. Mit der zweihundert Jahre älteren Plutogrotte (Moritzgrotte) und dem Höllenteich machen Gartenarchitekt Jussow und Brunnenmeister Steinhöfer die Verbindung von barockem Denken und romantischer Verzauberung an diesem Ort sichtbar und erlebbar. Was sich in der Grotte abspielt, bleibt verborgen. Zur Konzeption gehört, dass die erschauernden Skulpturen links und rechts vom Eingang und die hinter Fenstergläsern schimmernden farbigen Lichteffekte die Besucher abschrecken und davon abhalten sollen, hineingehen zu wollen.


Die Holzkonstruktion der Brücke wird 1826 durch eine gusseiserne Konstruktion der Kasseler Firma Henschel ersetzt, eine technische Meisterleistung.
Das muss doch mit dem Teufel zugehen!
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Alleinstellungsmerkmal 

Die Teufelsbrücke im Ensemble mit Plutogrotte und Höllenteich

Teufelsbrücken sind eine beliebte Kleinarchitektur in zahlreichen Gartenanlagen Europas, beispielsweise im Schlosspark Schwetzingen, in Sanssouci – Potsdam, in Wörlitz – Dessau, mit der Rakotzbrücke im Landschaftspark Kromlau (Oberlausitz).

Die jeweilige Benennung als sehenswertes Parkobjekt spielt auf die in der Romantik aufgekommene Bewunderung der Teufelsbrücke über die Reuss an. Allerdings wird das Bild „Kühne Brückenkonstruktion über reißendem Flusslauf“ selten umgesetzt, stattdessen ist es ein Bach, der überbrückt wird oder eine Engstelle in einem See oder Teich. Dieses Manko ersetzen oft aber eindrucksvolle und gewagte Konstruktionen.

Der Bergpark in Kassel erlaubt eine wirklich naturnahe Konstruktion, das meint, dass nicht direkt ersichtlich ist, dass die Teufelsbrücke über einen künstlich angelegten Kanal errichtet wurde. Der Kanal schlängelt sich wie ein im Park bereits vorhandener Bachlauf vom Steinhöfer Wasserfall kommend bis zur Teufelsbrücke. Prellsteine im Kanal lassen die Wasser aufschäumen, so dass bereits vor dem zehn Meter abfallenden Sturz die Wasser Sauerstoff anreichern und das Bild von Sprühen, Schleier und Gischt aufgebaut wird.

Jussow und dem Wasserbau-Ingenieur Steinhöfer ist es gelungen, den Eindruck von einer großen Menge fließenden und springenden Wassers zu erzeugen. Es füllt den Höllenteich auf und beruhigt sich, um dann weiter, wiederum in naturnahen Kanälen geführt, zum Aquädukt abzulaufen.

Die Inszenierung „Teufelsbrücke“ wird so zu einem Erlebnis. Warten auf den Wassersturz, nachvollziehen, wie sich der Höllenteich füllt und überläuft, hinüber blicken zur Plutogrotte mit den eigenartigen Skulpturen neben dem Eingang, aufschauen zu den Großen Kaskaden und erstaunt sein, wenn der Blick in die Grotte des Pan und die Grotte von Faun und Kentaur übergeht. Obenauf rundet das dreistufige Oktogon mit den ersten beiden Ebenen im Grotten-Design das Gesamtbild ab. Diesen Eindruck empfinden und spüren zu können, ist ein Alleinstellungsmerkmal für den Bergpark Wilhelmshöhe.

Dieses emotionale Erleben und die auf das Ganze ausgerichtete Inszenierung sind geplant. Beeinflusst haben sicher Erzählungen, Gemälde und Reiseberichte, denn 1792 ist romantisches Denken angesagt, gerade auch vermittelt von Personen, die dem Schauspiel in der Schöllenen Schlucht und der Wasserkraft unter der Brücke über die Reuss beigewohnt haben. Die Grafischen Sammlungen (HKH) archivieren Zeichnungen und Grafiken, die Künstler aus Kassel Ende des 18. Jahrhunderts angefertigt haben.

Essay in vier Teilen: Die Sage - Vor Ort - Alleinstellungsmerkmal - Bild-Romantik

Foto FS 12/2017
Die Teufelsbrücke - Mehr als ein Verweis auf die Sage!
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Bild-Romantik

Zahlreiche Künstler hat das Schauspiel beeindruckt, zum Beispiel:               

Johann August Nahl d. J.: Teufelsbrücke am Fuß des St. Gotthard, Skizze 1791,
(Nahl) - Objektdatenbank von Hessen Kassel Heritage

Carl Blechen, Bau der Teufelsbrücke, 1832, Pinakothek München, URL: https://www.sammlung.pinakothek.de/de/artwork/k2xnR9ExPd


Noch einmal zurück zur Umformung des Bergparks in einen Landschaftsgarten.
Die Symbiose von barocker Anlage und romantischen Wasserbildern macht ihn so einzigartig. J. A. Nahl d. J. hat nicht nur die Ideen und Zeichnungen von J. H. Jussow, dem Chefplaner (Oberhofbaumeister und Gartenarchitekt) gekannt. Nahl war Professor an der Kunstakademie in Kassel und am Planungsgeschehen zumindest indirekt beteiligt. Er lieferte beispielsweise eine Serie von vier Prospekten mit Ansichten im Bergpark, auf denen er Attraktionen vorstellt. Es sind Zeichnungen, die nicht die fertigen Objekte erfassen, sondern Projektionen. Diese zu untersuchen und spezielle Betrachtungen anzustrengen, ist einen eigenständigen Essay wert! Mehr
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