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B i l d e r - u n t e r - s u c h e n   -   M e h r s c h i c h t i g  

Meine Analysen beginnen detektivisch gedacht mit dem Sammeln von Indizien, die neutral aufgelistet werden. Die Kernfrage folgt: Was stellt das Bild dar, wie ist es aufgebaut. Eine erste Antwort stützt sich auf Annahmen und Ideen, die es zu überprüfen gilt.

Daran schließe ich eine mehrschichtige Betrachtung an, um davon ausgehend der Bildwirkung insgesamt auf die Spur zu kommen, abduktives Vorgehen.

(Mehr dazu - Achtung, Kapitelwechsel!)

Abduktion: Nach Überraschendem, nach Ungewöhnlichem Ausschau halten und Vermutungen anstellen. Im Bild sind das beispielsweise die Pose des Herrn mit Bowler und Stock, die Fußstellung, der Blick. Auch die Farbabstufungen der Bäume fallen auf.

In den Prüfungshorizont kommen Landschaften, Anlagen, Gebäude, einzelne Pflanzen, Wege, Tiere und Personen. Steht das alles in einem intuitiv oder gezielt geschaffenen Zusammenhang? Kontexte lassen sich vermuten, und der Bildaufbau lässt sich vielleicht als bewusste Gestaltung entschlüsseln.

Eine These lässt sich formulieren:
Für die Bildwirkung ist die Auswahl von Ausschnitt und Blickwinkel wichtig. Um das Foto mit Leben zu füllen, kommt es auf den Klick im richtigen Moment an, um (hier) Personen und deren Figuration in die Komposition hereinzuholen. Das erhöht den Aussagegehalt.

Die Untersuchung entpuppt sich als Beispiel dafür, wie auf Fotos und Stichen dargestellte Personen eben nicht lediglich als Beiwerk, als Staffage zu betrachten sind. Verweist die besondere Figuration der Personen im Ausgangsbild nicht auf ein Anliegen des Künstlers? Vermittelt der Fotograf nicht sogar mit der Wahl des Ausschnitts und dem Klick im richtigen Moment den Wunsch, das Bild näher betrachten und den Ort aufsuchen zu wollen?

Wohlgemerkt, wir befinden uns im Kaiserreich. Die Kleinbildkamera ist noch nicht erfunden, und erst recht nicht die Digitalfotografie. Mein Farbfoto stammt aus dem Jahr 2021. Es ist sicher gelungen, ich würde es aber nicht als Fotokunst bezeichnen.

Im historischen Foto ist das Ende eines Ereignisses abgebildet, das Schauspiel der Wasserspiele im Moment des Abklingens der Großen Fontäne. Die Komposition lädt zum Spekulieren ein: Interpretiert werden kann, ob sich die Zuschauer erholen wollen, im Sinne von geschafft. Angenommen werden kann auch, dass sie sich darüber unterhalten, wo die Wasser herkommen, ob sie nur abfließen oder da nicht doch eine Pumpe im Spiel ist. Das mag uns Betrachtern durch den Kopf gehen und vielleicht auch dazu veranlassen, die Sicht auf die Hauptachse im Bergpark selbst zu erkunden. Das dürfte im Interesse des Fotografen sein, denn dann verkaufen sich Postkarten wie diese einfach besser.

Die Fotokunst steckt in der ausgewogenen Komposition. Der gelenkte Blick darauf, wie die Personen stehen, sitzen, sich unterhalten, auf etwas zeigen, hinschauen und wegschauen, welche Kleidung sie wie tragen, das alles verbindet sich mit dem im Moment erfassten gemeinsamen Blick nach oben, um das Schaupiel zu würdigen und als Erlebnis aufsuchen zu wollen.
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